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607 670 Euro für Einstieg in Arbeitsmarkt (Gießener Anzeiger, 08.08.2018)

PlanBAnzeiger

Übergabe der Förderbescheide für bewährte und neue Projekte (v.l.) Manfred Felske-Zech (LK-Gießen), Landrätin Anita Schneider, Mirjam Aasmann (Jugendwerkstatt), Wolfgang Haasler (Caritas), Horst Mathiowetz (Förder-verein für seelische Gesundheit), Sebastian Haack (ZAUG gGmbH) udn Uwe Happel (LK-Gießen) 

(Foto: Landkreis Gießen)

KREIS GIESSEN

"Wir führen unsere vier bewährten Projekte fort, die langzeitarbeitslose Menschen stabilisieren und wieder an den Arbeitsmarkt heranführen sollen", sagte Landrätin Anita Schneider und lobte die Arbeit von vier Institutionen im Landkreis Gießen, als sie Zuwendungsbescheide in einer Gesamthöhe von 607 670 Euro übergab.

Die Integration in den ersten Arbeitsmarkt sei das wichtigste Ziel für das Jobcenter, dessen Träger der Landkreis und die Arbeitsagentur sind. Grundsätzliches Ziel sei es, die Teilnehmer zu stabilisieren, ihre Hemmnisse, die eine Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt erschweren, abzubauen und Perspektiven auf einen Arbeitsplatz zu erarbeiten. Ebenso brauche es weiterhin gute Angebote, um benachteiligte Jugendliche in Ausbildung zu vermitteln beziehungsweise ihnen eine integrative Ausbildung bereitzustellen. "Durch den geschickten Einsatz der Gelder gelingt es uns, das Förderniveau konstant zu halten. Denn die Kontinuität ist entscheidend dafür, dass sie wirken", erklärte die Landrätin laut einer Pressemitteilung.

Die 2012 begonnenen Projekte werden vom Sozialministerium und dem Landkreis gefördert. Die Zaug gGmbH richtet sich mit ihrem Projekt "ProAktiv" in der Hauptsache an Bedarfsgemeinschaften mit minderjährigen Kindern, vorwiegend Alleinerziehende. Der Caritasverband führt mit "Wegbereiter" an den Arbeitsmarkt heran. Dabei kann auch auf bisher versteckte Problemlagen eingegangen werden. Einen ähnlichen Weg verfolgt die Jugendwerkstatt mit "Auffordern statt aufgeben", die ihre vielfältigen Fachbereiche für praxisnahes Arbeitstraining nutzt. Ein ebenfalls erfolgreiches Projekt setzt der Förderverein für seelische Gesundheit mit seinem "Plan B" um, das sich vorwiegend Personen mit psychischen Beeinträchtigungen widmet.

Gefördert werden außerdem zwei Projekte, die Geflüchteten einen Einstieg in Arbeit oder Ausbildung ermöglichen sollen. "Diese Projekte sind ein zentraler Baustein des Integrationsprozesses", betonte Schneider. Sie bieten berufliche Orientierung und verbessern die berufsbezogenen Deutschkenntnisse. In der Probierwerkstatt der Jugendwerkstatt Gießen können Geflüchtete Berufsbilder aus verschiedenen Gewerken erproben und dabei die für den Einstieg in eine Ausbildung notwendigen fachlichen, persönlichen und sozialen Kompetenzen trainieren.

 

Neu initiiert wurde ein Projekt zum Aufbau von mindestens vier Integrations- und Kompetenzzentren im Landkreis durch die Zaug gGmbH. Dieses schließt an ein bereits laufendes Projekt der Gemeinwesenarbeit an. Know-how, Strukturen und Netzwerke werden genutzt und ergänzt. Ziel ist es, Geflüchteten durch gemeinnützige Projekte in den Kommunen handwerkliche Fähigkeiten zu vermitteln und ihr Sprachniveau zu verbessern. Gleichzeitig werde so die soziale Integration gefördert. "Dafür wollen wir zugleich auch das Ehrenamt professionalisieren und unterstützen", erklärt Landrätin Schneider. So sollen im Landkreis flächendeckend Beratungskompetenzen im Ehrenamtsbereich zielgerichtet verbessert werden, um dadurch eine bessere Vernetzung mit den Angeboten und Fördermöglichkeiten der Arbeitsverwaltung zu ermöglichen.

Abschließend bedankte sich Anita Schneider bei den Projektträgern und bei Uwe Happel, der diese für den Landkreis koordiniert.

 

 

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Kein »Ghetto« für psychisch Kranke (Gießener Allgemeine Zeitung, 31.07.2018)

Geschftsfhrerwechsel

Horst Mathiowetz ist neuer Geschäftsführer des Fördervereins für seelische Gesundheit. Seinem Vorgänger Andreas Büscher danken Wolfgang Jende und Gert Mehles (v. l.) für 25 erfolgreiche Jahre. (Foto: Schepp)

GIESSEN

Ja, Arbeit kann krank machen, vor allem wenn der Leistungsdruck ständig wächst. Aber sie ist auch ein wichtiger Anker, gerade für Menschen mit psychischer Behinderung. Manchen gelingt es dank dieser Stabilisierung, ihren Alltag besser zu bewältigen oder gar auf Medikamente zu verzichten. 25 Jahre lang hat Andreas Büscher Entscheidendes dazu beigetragen, dass zahlreiche Patienten in und um Gießen in der Berufswelt Fuß fassten. Jetzt tritt der Geschäftsführer des Fördervereins für seelische Gesundheit in die zweite Reihe zurück.

»Wenn ein Geschäftsführer plötzlich weg ist, kann ein Vakuum entstehen«, erklärt der 61-Jährige im GAZ-Gespräch. Nun könne er seinem Nachfolger und bisherigen Stellvertreter Horst Mathiowetz (56) bei Bedarf zur Seite stehen. Büscher bleibt tätig beim Integrationsfachdienst (IFD), der seelisch, neurologisch und Hörbehinderte in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt und alle Seiten berät – Arbeitnehmer, Betriebe und Kostenträger.

Den IFD hat Büscher von Anfang an mit aufgebaut. Dabei wollte der gelernte Krankenpfleger und studierte Sozialarbeiter eine solche Tätigkeit eigentlich meiden, als er 1991 aus privaten Gründen von Dortmund nach Gießen zog: So viele Vorschriften, die sich ständig ändern! Beim Förderverein für seelische Gesundheit hatte er sich als Mitarbeiter im damaligen Hauptstandbein Betreutes Wohnen beworben. Doch kurzfristig wurde er im »Psychosozialen Dienst« – heute Integrationsfachdienst – eingesetzt und übernahm schon zwei Jahre später die Geschäftsführung des Vereins. Heute sieht er sein Arbeitsfeld als »ideale Schnittstelle«.

In den 25 Jahren sei der Verein rasant gewachsen, unterstreichen der Vorsitzende Gert Mehles und Schriftführer Wolfgang Jende. Mit fünf Mitarbeitern begann Büschers Tätigkeit. Aktuell beraten und betreuen insgesamt 25 Fachkräfte im Betreuten Wohnen, im Integrationsfachdienst, in der Unterstützten Beschäftigung und weiteren Projekten laufend etwa 200 Menschen aus Stadt und Landkreis Gießen. Sie haben beispielsweise Psychosen, Schizophrenie, Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen.

Büscher habe die stetige Weiterentwicklung und die starke Vernetzung wesentlich mit vorangetrieben, unterstreichen die Vorstandsvertreter. So wurde 1996 die Bürogemeinschaft Integrationsfachdienst mit der Lebenshilfe und der Profile gGmbH gegründet, 1997 der Gemeindepsychiatrische Verbund. Der passionierte Läufer und Radler habe »kreative, kritische und manchmal ungewöhnliche Ideen« durchgesetzt und bei der Auswahl des Personals eine glückliche Hand bewiesen. Sehr gute Kontakte seien entstanden etwa zum Landeswohlfahrtsverband, der Agentur für Arbeit, zum Jobcenter und den Rentenversicherungsträgern.

Gutes Betriebsklima nutzt allen

Die wesentlichen Leitlinien habe Büscher mit geprägt: Kooperation, Regionalität, ambulant vor stationär, Prävention vor Rente, Nachhaltigkeit. Zusammengefasst: Menschen mit psychischer Behinderung sollen möglichst weder in »Ghettos« untergebracht noch im Betrieb zu stark »bemuttert« werden, sondern mitten in der Bevölkerung wohnen und arbeiten. Weil jeder Fall unterschiedlich sei, müssten die Lösungen individuell sein. Der Verein sei »nicht auf jeden Zug aufgesprungen« und habe insbesondere auf Projekte ohne langfristigen Nutzen verzichtet.

Der Bedarf an Hilfe für psychisch Kranke sei in Gießen mit seinen einschlägigen Kliniken besonders groß, erläutern der Psychologe Mehles und der Arzt Jende. Das Angebot sei zugleich ungewöhnlich breit. Vieles sei Horst-Eberhard Richter zu verdanken. Zahlreiche Initiativen des wegweisenden Psychoanalytikers wirkten bis heute.

Büscher bringt sein Fachwissen in zahlreiche Gremien ein und hält seit zwölf Jahren Vorträge für Unternehmen und Behörden. Darin versucht er unter anderem zu vermitteln, dass ein für psychisch Kranke günstiges Arbeitsumfeld der gesamten Belegschaft zugutekommt. »Warum erst neue Stühle anschaffen, wenn das Rückenleiden entstanden ist?« Mit einem guten Betriebsklima könne man auch Burnout und anderen Überlastungserscheinungen vorbeugen.

Der neue Geschäftsführer Horst Mathiowetz arbeitet bereits seit 1994 beim Verein und leitet den Bereich Betreutes Wohnen

 

von Karen Werner

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Unabhängiges Gremium nimmt sich der Probleme aus dem Bereich Psychiatrie an (Gießener Anzeiger, 30.03.2017)

BeschwerdestelleAnzeiger

Das Trialogische Team der Beschwerdestelle Psychiatrie im Landkreis Gießen stellte sich und die Einrichtung vor. Mit dabei auch Gesundheitsdezernent Hans Peter Stock (4.v.l.)

Foto: atb

Unabhängiges Gremium nimmt sich der Probleme aus dem Bereich Psychiatrie an

KREIS GIESSEN - (atb). "Beschwerden sind ein Beitrag zur Verbesserung", so lautet das Motto der neuen "Unabhängigen Beschwerdestelle Psychiatrie im Landkreis Gießen". Worum es geht, erklärte Marco Auernigg, Psychiatriekoordinator des Landkreises im Landratsamt.


Es gehe letztlich um eine niedrigschwellige Möglichkeit, Kritik anzubringen. Manfred Haas, Mitglied der Gruppe der Psychiatrie-Erfahrenen, erklärte, dass es bei psychisch Erkrankten häufig Hemmungen gebe. Wenn man gerade "richtig krank" sei, habe man an einer Beschwerdestelle allerdings kein Interesse. Später jedoch schon. Irmtraud Junker von der Angehörigengruppe Mittelhessen ergänzte, dass die Beschwerdestelle aber auch von Mitarbeitern etwa von Kliniken genutzt werden könne. Zum selben Thema sagte Elisabeth Weißler-Mahlke: "Betroffene und Angehörige trauen sich oft nicht Ärzte anzugehen, zu sagen, was ihnen nicht gefällt. Da bestehen Ängste." Die Beschwerdestelle sei da etwas ganz anderes. Man könne in einer guten Atmosphäre auf den Betroffenen zugehen und etwas fragen.
Jochen Schlenzig von der Gruppe der Psychiatrie-Erfahrenen Laubach erläuterte den weiteren Verlauf nach der Beschwerde. Diese gehe zunächst per Mail oder über Anrufbeantworter ein, Sprechzeiten gebe es nicht. Regelmäßig werden dann die Klagen während Treffen der neun Mitglieder besprochen. "Wir nehmen außerdem", so Schlenzig, "mit dem Beschwerdeführer Kontakt auf. Dann besprechen wir das Vorgehen mit der Person. Eventuell gibt es einen gemeinsamen Termin oder wir versuchen, zu vermitteln."
Beispiele für Beschwerden nannte Horst Mathiowetz vom Förderverein für seelsische Gesundheit, Leitung Betreutes Wohnen. So könnte es Klagen über angewendete Gewalt oder Zwang und auch über medikamentöse Vergabe geben. Manchmal werde kritisiert, dass Betreuer zu selten oder zu wenig da seien, oder dass das Verhalten bei Hausbesuchen nicht adäquat sei. Gefühlte Übergriffe könnten Kritikpunkte sein oder wenn die Eigenständigkeit Betroffener nicht gewertschätzt werde. Es gebe immer noch häufig das Bild, dass die Profis besser wüssten, was den Menschen helfe, als die Menschen selbst.
Den Profis solle die Einrichtung ebenfalls dienen. Man brauche ein Beschwerdemanagement, meinte Horst Mathiowetz. Häufig liefen Beschwerden über einen Dritten. Auch bei ambulanten Diensten laufe zudem nicht immer alles rund. Man brauche eine unabhängige Einrichtung.

Man wolle, so erklärte Auernigg weiter, mit der Einrichtung nicht nur einzelnen Personen weiterhelfen, sondern auch die Strukturen im Landkreis diesbezüglich verbessern. Er selbst, so Auernigg, sei als Psychiatriekoordinator nur beratendes Mitglied. Er machte darauf aufmerksam, dass die Einrichtungen keine Rechtsberatung anbiete.
Die Idee sei von einer Gruppe von Menschen mit Psychiatrieerfahrung schon vor einigen Jahren entwickelt worden. Mehrere Teilnehmer der Gruppe, außerdem Mitglieder der Angehörigengruppe Mittelhessen, die eine solche Beschwerdegruppe ebenfalls seit einigen Jahren fordert, und Vertreter professioneller Einrichtungen waren anwesend und bilden, teilweise ehrenamtlich, das Team der Beschwerdestelle.
Die AG Psychiatrie des Beirats für Menschen mit Behinderung des Landkreises Gießen griff dann die Forderung auf. Eine "Trialogische Zusammensetzung" ist das Stichwort. Das heißt, so Auernigg, eine Beschwerdestelle solle sich grundsätzlich aus Mitgliedern der oben genannten drei Gruppen zusammensetzen. Der Landkreis sei nicht Träger, biete aber die Infrastruktur an, so Auernigg. Dazu gehören etwa Telefon, Mailbox, Treffpunkt oder Aktenablage.

Er wisse allerdings schon, dass Betroffene nach wie vor Vorurteilen ausgesetzt seien, denen es zu begegnen gelte. Von
einer Wahrnehmungsverschiebung in den Medien spricht in diesem Zusammenhang Horst Mathiowetz, Leiter des Betreuten Wohnens im Förderverein
für seelische Gesundheit. So tauchten zum Beispiel Menschen, die unter einer Psychose leiden, nur dann medial auf, wenn sie etwa eine Straftat begangen hätten. Dieser negativen Verengung müsse mit Öffentlichkeitsarbeit entgegengetreten werden, so der Leiter, der eine andere öffentliche Wahrnehmung von Menschen mit psychischer Erkrankung einfordert. Auch dafür setzt sich der „Arbeitskreis Psychiatrie Erfahrene“ ein. Wer mitdiskutieren will, ist eingeladen und kann beim nächsten Treffen am 20. Januar um 11 Uhr einfach in der Frankfurter Straße 44 (zweiter Stock) vorbeikommen.

Die Gründung der Beschwerdestelle begrüßte auch der hauptamtliche Kreisbeigeordneter und Gesundheitsdezernent Hans-Peter Stock. Es sei eine berechtigte Forderung, eine unabhängige Beschwerdestelle einzurichten, meinte er. Er sei froh, dass es diese nun gebe. Er sagte: "Ich bin stolz darauf, dass wir das eingerichtet haben, bevor es durch gesetzliche Maßgaben vorgegeben wurde."

Ab sofort ist der Dienst nutzbar. Man kann sich über ein Telefon mit Anrufbeantworter oder per Post oder auch per E-Mail beklagen.
Die Telefonnummer lautet (0641) 93901439. Die E-Mail-Adresse lautet Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Beteiligt sind neben den Mitgliedern der Gruppe "Psychiatrie-Erfahrene", Mitglieder der Angehörigengruppe und von professioneller Seite Dr. Johannes Wilhelm von der UKGM, Dr. Astrid Dalizda von Vitos Gießen-Marburg und der niedergelassene Psychiater Dieter Schneider.

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Unabhängige Hilfe (Gießener Allgemeine Zeitung, 29.03.2017)

BeschwerdestelleAllgemeine

Unzufrieden mit der Therapie? In solchen Fällen kann die neue unabhängige Beschwerdestelle als Vermittler auftreten. Die Ansprechpartner helfen aber auch bei anderen Schwierigkeiten im Bereich Psychiatrie. (Foto: Fotolia/Vadim Guzhva)

KREIS GIESSEN

Unabhängige Hilfe

Stellen Sie sich vor, Sie sind psychisch krank und in Behandlung, haben aber ein Problem mit der Art der Therapie. Bei wem sprechen Sie das an? Ihrem Arzt, dem Leiter der Einrichtung, in der Sie vielleicht untergebracht sind? Ab sofort gibt es im Landkreis Gießen für solche und andere Schwierigkeiten im Bereich Psychiatrie eine unabhängige Beschwerdestelle. Wer dahinter steht, wie sie funktioniert und an wen sich das Angebot richtet, das war gestern Thema einer Pressekonferenz im Kreishaus.

Hinter der neuen Anlaufstelle steht eine neunköpfige Gruppe, die sich aus Psychiatrie-Erfahrenen, Angehörigen sowie Fachkräften der psychiatrischen Versorgung zusammensetzt. An sie können sich ab sofort Menschen wenden, die im Landkreis Schwierigkeiten mit Ärzten, Therapeuten, Kliniken, Wohnheimen, Tagesstätten, Beratungsstellen, Pflegediensten, gesetzlicher Betreuung oder anderen Dingen haben. Die Mitglieder nehmen die Beschwerden entgegen, gehen ihnen nach und wirken auf eine Klärung hin.

Allerdings nicht im Rahmen einer Sprechstunde. »Das ist für uns erst die nächste Stufe«, sagt Marco Auernigg, Psychiatriekoordinator beim Landkreis Gießen und Mitglied des Teams. Wer sich beschweren will, kann dies telefonisch oder schriftlich (per E-Mail oder Brief) tun. Die Informationen werden zunächst gesammelt, Entscheidungen zum weiteren Vorgehen im großen Plenum gefällt, das einmal im Monat tagt.

Seit vielen Jahren gibt es laut Gesundheitsdezernent Hans-Peter Stock die Forderung von Betroffenen, eine unabhängige Beschwerdestelle zu schaffen, nicht angedockt an eine Klinik oder andere Einrichtung. Jetzt hat der Landkreis den Anstoß dazu gegeben. Er ist allerdings nicht Träger, sondern stellt lediglich die Infrastruktur – Büro, Telefon, etc. – zur Verfügung. Aufgegriffen wurde das Thema bei der Behörde vor rund 18 Monaten in der AG Psychiatrie, einer Fachgruppe im Beirat von Menschen mit Behinderung. Hier wurde die Vorarbeit geleistet, das Angebot konzipiert und mit viel Kompetenz ausgestattet.

Ziel ist es allerdings nicht nur, Menschen mit Problemen im Bereich Psychiatrie zu helfen. »Wir haben auch den Anspruch, Strukturen zu verbessern«, sagt Auernigg. Soll heißen: Anhand der Informationen über mögliche Missstände will man auf bestehende Mängel hinweisen, Verbesserungsvorschläge machen und Veränderungen erreichen. Wert legt die Gruppe darauf, dass sie die Anliegen der Beschwerdeführer streng vertraulich, neutral und unabhängig bearbeitet, außerdem kostenfrei und möglichst schnell. »Was wir nicht tun? Wir bearbeiten keine anonymen Beschwerden, wir bieten keine Rechtsberatung, wir fällen keine Urteile«, sagt Auernigg.

Woher kommt ihre Motivation? Beschwerden landen häufig nicht dort, wo sie hingehören, sondern bei Dritten, sagt Horst Mathiowetz vom Förderverein für seelische Gesundheit. Deshalb muss es in seinen Augen »einen Ort geben, der unabhängig ist«. Das bestätigen andere Mitglieder der Gruppe. Viele Menschen hätten Hemmungen, Schwierigkeiten zu thematisieren, trauten sich häufig nicht, gegenüber Ärzten darüber zu sprechen, was ihnen missfällt, weiß Elisabeth Weißler-Mahlke von der Angehörigengruppe Mittelhessen. Den Grund dafür nennt der Psychiatrie-Erfahrene Manfred Haas: eine »enorme Hemmschwelle« bei Betroffenen.

Welcher Arbeitsumfang auf die Gruppe, die übrigens ehrenamtlich agiert, zukommen wird, wissen die Mitglieder nicht. Interessierte, die ein ernst gemeintes Interesse an der Mitarbeit haben, sind willkommen.

Von Christina Jung

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Integrationsfachdienst Gießen besteht seit 20 Jahren (Gießener Anzeiger, 26. September 2016)

Foto 20 Jahre IFD Foerderverein Giessen
Magnus Schneider, Alexandra Hüge und Andreas Büscher feiern das 20-jährige Bestehen des Integrationsfachdienstes Gießen. Foto: Maywald

GIESSEN - (fm). "Wir sind der richtige Ansprechpartner bei allen Fragen im Bereich Schwerbehinderung, Rehabilitation und Arbeitsleben", erklärt Andreas Büscher, Leiter des Integrationsfachdienstes (IFD) Gießen. "Wir beraten behinderte Arbeitnehmer und deren Arbeitgeber in allen Fragen der Eingliederung."

Zusammen mit Alexandra Hüge, die den Bereich Vermittlung im IFD leitet, und dem Vorstand der Lebenshilfe, Magnus Schneider, blickte Büscher gestern auf die 20-jährige Erfolgsgeschichte des IFD zurück. Für ihn gibt es in ganz Hessen neben Gießen "keinen Fachdienst, der so gut ausgebaut ist". Allein im Bereich Vermittlung sind sieben der insgesamt elf IFD-Mitarbeiter tätig.

Unterm Strich hat der IFD in den letzten zwölf Jahren 289 Menschen mit geistigen, psychischen und seelischen Erkrankungen, mit intellektuellen Behinderungen und Hörbehinderungen in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt. Solche Schwerbehinderungen machen rund 75 Prozent der im Sozialgesetzbuch IX definierten Zielgruppe aus. Laut Alexandra Hüge kommen die meisten aus der Stadt und dem Landkreis Gießen, ein Teil auch aus dem Vogelsberg-, Lahn-Dill- und Wetterau-Kreis. Aufgrund seiner Leistungen, die das hessische Integrationsamt als "vorbildlich" bezeichnet, hat der IFD Gießen auch in diesem Jahr vom Jobcenter Gießen den Zuschlag für eine Maßnahme erhalten, die zunächst für zwei Jahre angelegt ist. Vor 20 Jahren haben sich die Geschäftsführer dreier Träger aus der Behindertenhilfe - Andreas Büscher vom Förderverein für seelische Gesundheit, Magnus Schneider von der Lebenshilfe Gießen und der inzwischen pensionierte Klaus Hugo vom Verein zur Betreuung psychisch Kranker (heute Profile gGmbH) - zusammengetan, um sich gemeinsam für die berufliche Eingliederung von Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt einzusetzen. Die Idee zu einer "zentralen Anlaufstelle" für Arbeitnehmer mit Behinderung und deren Arbeitgeber hatte Magnus Schneider. Vorher arbeiteten "vernetzte Arbeitskreise" nebeneinander her. Zudem sollten die Übergänge bei der Vermittlung aus der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) auf den ersten Arbeitsmarkt sowie die Begleitung und Beratung der integrierten Menschen und deren Arbeitgeber vereinfacht werden. In einem auf drei Jahre angelegten Modellprojekt sollten in den Jahren 1996 bis 1998 Schulabgänger mit Behinderung auf den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden. Der IFD Gießen wurde neben drei weiteren IFDs in Hessen (Frankfurt, Marburg und Kassel) zum Modellstandort gewählt. Damals kam Martin Schmidt zum Integrationsfachdienst und brachte das Modellprojekt nach drei Jahren erfolgreich zum Ende. Von 1998 bis 2001 schloss sich ein weiteres Modellprojekt an. In diesem konzentrierte man sich auf die Vermittlung arbeitsloser Menschen mit Behinderung. Als auch dieses Modellprojekt erfolgreich war, übernahm der Landeswohlfahrtsverband Hessen (Integrationsamt) die Regelfinanzierung.

Einig sind sich Büscher, Hüge und Schneider, dass geistig, psychisch oder seelisch erkrankte Menschen viel persönliche Unterstützung brauchen, weil sie schon kleinste Veränderungen an ihrem Arbeitsplatz emotional sehr belasten. Mit der Einführung des Sozialgesetzbuches IX wurden die Bundesagentur für Arbeit, die Deutsche Rentenversicherung, die Gesetzliche Unfallversicherung und die Kriegsopferfürsorge verpflichtet, behinderte oder von Behinderung bedrohte Menschen zu unterstützen. Ab der Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 war die GIAG (heute: Jobcenter Gießen) für die Vermittlung der meist langzeitarbeitslosen Menschen mit Behinderung zuständig. "Die gute Zusammenarbeit mit dem heutigen Jobcenter Gießen läuft mittlerweile im elften Jahr", sagte Hüge.

Der Integrationsfachdienst ist laut § 109 SGB IX zuständig für schwerbehinderte Menschen mit einem besonderen Bedarf an arbeitsbegleitender Betreuung. Betroffene Menschen können sich montags bis freitags telefonisch an den Integrationsfachdienst wenden.

Integrationsfachdienst (IFD) Gießen
Ludwigstraße 14
35390 Gießen
Telefonnummer: 0641/97576-20
Fax: 0641/97576-50
Web: www.ifd-giessen.de
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