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Arbeit als Anker im Alltag (Wetterauer Zeitung vom 03.01.2019)

cafe

Gemütlich in der Stadt einen Kaffee trinken: Auch solche gesellschaftliche Teilhabe wird leichter möglich dank Berufstätigkeit im ersten Arbeitsmarkt. (Fotos: Schepp/kw)

Arbeit

Gibt es ein ideales Maß an Arbeit? Menschen mit psychischen Störungen sind dafür besonders sensibel - vor allem, wenn ihre Grenzen überschritten werden. Das ist erhellend für alle.

Warum erst dann neue Bürostühle anschaffen, wenn die ersten Mitarbeiter wegen Rückenleiden ausfallen?« Mit diesem Bild umschreibt Andreas Büscher, dass ein für psychisch Kranke günstiges Arbeitsumfeld der gesamten Belegschaft zugutekommt. Seit über 25 Jahren vermittelt Büscher mit seinem Team vom Integrationsfachdienst Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt und berät alle Seiten – Arbeitnehmer, Betriebe und Kostenträger. Seine Erfahrung bestätigt im GAZ-Gespräch eine Klientin: Wenn die Bedingungen stimmen, ist Berufstätigkeit ein wichtiger Anker im Alltag.

»Man fühlt sich nicht gebraucht.« Die 28-Jährige erinnert sich ungern an die Phase der Arbeitslosigkeit in ihrem Leben. Als sie 17 war, brach bei ihr eine Psychose aus. Sie schloss eine Ausbildung zur Bürokauffrau ab und arbeitet heute in einer Bäckereifiliale mit Cafébetrieb. »Erst sollte ich nur in der Küche eingesetzt werden, inzwischen bin ich teilweise auch im Verkauf«, erzählt sie stolz.

Das richtige Maß finden

Wichtig ist ihr, dass sie in einem »normalen« Betrieb arbeiten kann statt in einer geschützten Werkstatt: »Nur unter kranken Menschen würde ich mich nicht so gut fühlen.« Das Gehalt bedeutet Bestätigung und ermöglicht ihr Selbstständigkeit.

Dass sie sich gut vorstellen kann, langfristig in ihrer Firma zu bleiben, habe sie unter anderem den netten Kollegen und den regelmäßigen Beratungsgesprächen beim IFD zu verdanken, betont die junge Frau. Vor allem habe sie für sich das richtige Maß an Belastung gefunden. »Es gibt Tage, an denen viel los ist, aber dazwischen ruhigere Zeiten. Die brauche ich auch. Ich arbeite fünf Tage die Woche je fünfeinhalb Stunden. Eine Weile waren es sechseinhalb, das war mir zu viel.«

 

In unserem Wirtschaftssystem
ist eine der wichtigsten Fragen:
Wo arbeitest du

Andreas Büscher, IFD

 

30 Wochenstunden: Gilt diese Grenze fürs Wohlbefinden allgemein? Büscher winkt ab: An derart einfache Rezepte glaubt er nicht. Aber er kann durchaus Warnzeichen aufzählen für Stress, der krank machen kann. Zum Beispiel: »Wenn Arbeit alles ist. Man kann nichts erzählen auf die Frage, was man sonst noch macht.« Mitunter meldet sich der Körper mit Tinnitus, Schlafstörungen, Verdauungsproblemen oder Kopfschmerzen, und dem Menschen ist zunächst gar nicht bewusst, dass Überlastung die Ursache ist. Vor allem Männern fällt es oft schwer, diese tabuisierte Tatsache wahrzunehmen.

Vorbeugen kann sowohl der Einzelne als auch die Firma mit dem symbolischen rückenfreundlichen Bürostuhl, also dem Betriebsklima. Büscher nennt Muster, die zu Frust führen können: Wenig kooperative Kollegen, Arbeitsverdichtung, Zeitdruck, Über- oder Unterforderung. Stressempfinden hänge stark davon ab, ob sich der Betreffende in seiner Freiheit eingeschränkt sieht. Ungünstig könnten sich Einstellungen auswirken wie Perfektionsstreben – »ich gebe alles« –, Versagensängste oder geringe innere Distanz zum Beruf. »Meine Kollegen sind wie eine Familie für mich« – bei so einem Satz schrillen Büschers Alarmglocken.

Mögliche Folge ist ein Burn-out. »Unter diesem Decknamen können echte Depressionen auftreten, aber auch bloße Befindlichkeitsstörungen, die keiner Therapie bedürfen«, betont der Experte. »Schwere psychische Erkrankungen haben in den vergangenen Jahrzehnten nicht zugenommen.«

Appell an Führungskräfte

Für alle empfehlenswert seien ausreichend Freizeit und soziale Kontakte außerhalb des Jobs. »Darauf müssen auch Führungskräfte achten«, gerade mit Blick auf das steigende Rentenalter. Anerkennung sei ebenso wichtig wie ein verlässlicher Ansprechpartner.

Dank Fachkräftemangel richten Unternehmen zunehmend ihr Augenmerk auf das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter und öffnen sich für Menschen, die besondere Unterstützung benötigen. Beispielsweise haben Absolventen von Förderschulen bessere Chancen auf eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt, freut sich Büscher. Er hat viele Menschen ohne Beschäftigung gesehen, die sich unglücklich in der Stadt herumtreiben, dem Alkohol oder Glücksspiel verfallen und sich mit der Frage quälen: Wofür bin ich auf der Welt?

»In unserem Wirtschaftssystem ist eine der wichtigsten Fragen: Wo arbeitest du?« Berufstätigkeit bedeute Tagesstruktur, Selbstwertgefühl, soziale Kontakte und dank Einkommen die Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Psychisch Kranke könnten manchmal ihre Medikamentendosis reduzieren oder ganz darauf verzichten, weil sie Arbeit gefunden haben. Die 28-Jährige kann diese heilsame Wirkung nur bestätigen. »Meine Stelle bedeutet mir sehr viel. Ich gehe gern zur Arbeit und habe Spaß daran.«

 

Zusatzinfo

Hilfe durch Vermittlung in Arbeit

Der Integrationsfachdienst (IFD) und die Unterstützte Beschäftigung sind neben dem Betreuten Wohnen die Hauptstandbeine des Fördervereins für seelische Gesundheit. In den 25 Jahren seines Bestehens ist der Verein rasant gewachsen. Derzeit beraten und betreuen insgesamt 25 Fachkräfte etwa 200 Menschen aus Stadt und Landkreis Gießen. Die Klienten haben beispielsweise Psychosen, Schizophrenie, Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen, aber auch Lern-, Körper- oder Sinnesbehinderungen. Das Credo des Vereins: Menschen mit psychischer Behinderung sollen nicht in »Ghettos«, sondern mitten in der Bevölkerung wohnen und arbeiten. Andreas Büscher, gelernter Krankenpfleger und studierter Sozialarbeiter, war lange Geschäftsführer des Fördervereins. Mit Blick auf den eigenen Ruhestand ist der 63-Jährige 2018 in die zweite Reihe zurückgetreten und widmet sich nun ganz den Aufgaben als Fachdienstleiter und Berater im IFD.

Von Karen Werner

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